Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Tod eines Kindes

 

Vernehmung des vermuteten Täters zunächst als Zeuge.

 

 

Der portugiesische Lebensgefährte der Mutter des vierjährigen Raphael wurde nach 7 Verhandlungstagen am 03.02.2010 durch das Landgericht Mainz wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit Mord zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten verurteilt.

 

Die Kindesmutter hatte in der Vergangenheit verschiedene Partner mit Migrationshintergrund, was ihrer Mutter und dem Bruder sehr missfiel. Sie haben eine gewisse Aversion gegen Ausländer.

 

Die Kindesmutter war mit Raphael gerade aus Weißrussland zurückgekehrt, wo sie an der Hochzeit einer Freundin teilgenommen hatte. Am nächsten Tag arbeitete sie aushilfsweise in einer Pizzeria in Mainz. Da ihr jetziger portugiesischer Lebenspartner, ein Bauarbeiter, beruflich stark beansprucht war, musste sie den Jungen in die Pizzeria mitnehmen. Dort fiel er eher unangenehm auf, weil er angeblich Gäste beklaute, unruhig herumlief und den Hund in der Pizzeria am Schwanz zog, so dass er gebissen wurde.

 

Auf Bitten der Kindesmutter holte ihr Lebenspartner den Jungen um 17.00 Uhr ab. Am darauffolgenden Tag nahm die Kindesmutter den Jungen erneut mit in die Pizzeria. Da er dort störte, rief die Kindesmutter den Lebensgefährten wiederum an und bat ihn, den Jungen um 17.00 Uhr abzuholen und bis 23.00 / 24.00 Uhr zu betreuen, bis sie wieder zuhause ist.

 

Was dann weiter geschah, wurde in zwei aufwändigen Hauptverhandlungen vor dem Landgericht Mainz zum Teil geklärt.

 

Die Kindesmutter war gegen 21.35 Uhr nach Hause gekommen und fand ihren Sohn in einem dämmrigen Zustand vor. Kurze Zeit später rief sie den Rettungswagen herbei. Es kamen zwei Sanitäter, die vor dem Wohnhaus von dem Lebenspartner eingewiesen wurden und nach oben in die Wohnung gingen. Der Lebenspartner selbst saß schweigend auf der Couch. Die Kindesmutter schilderte den Sanitätern, dass sie mit dem Jungen in Weißrussland gewesen, und dass dieser vom Hund gebissen worden war. Die Rettungssanitäter taten das Erforderliche, kümmerten sich allerdings nicht um den geblähten und harten Bauch des Kindes, der für den Sachkundigen deutlich auf eine innere Blutung schließen ließ.

 

Da die Rettungssanitäter keine Besserung des Zustandes des Kindes erreichen konnten, riefen sie den Notarzt, der gegen 22.10 Uhr eintraf und auch unten vor dem Mietshaus von dem Lebenspartner eingewiesen wurde. Der Arzt begab sich nach oben und fragte die Sanitäter nach ihren Erkenntnissen und ihrer Einschätzung. Die Kindesmutter und deren Lebenspartner selbst fragte er nicht mehr. Dem brettharten geblähten Bauch des Kindes schenkte auch er, obwohl dies ärztlich notwendig gewesen wäre, keine besondere Aufmerksamkeit.

 

Der Notarzt entschied, das Kind in die Universitäts-Kinderklinik einweisen zu lassen, benachrichtigte die diensthabenden Ärzte und informierte sie über seinen Verdacht, dass das Kind an einer ansteckenden Hirnhautentzündung leiden könnte. Demzufolge wurde das Kind, ohne eine zwingend notwendige eigene Untersuchung und Diagnose durchzuführen, in die Isolierstation verbracht, wo es gegen Mitternacht verstarb. Bei einer Obduktion stellte man fest, dass das Kind infolge eines Darmrisses und einer Verletzung der Leber verblutet war. Dementsprechend groß war die Verunsicherung, weil man es bei der Einlieferung infolge Fehleinschätzung unterlassen hatte, eine Ultraschalluntersuchung vorzunehmen, um zu klären, ob es innere Blutungen gibt und deshalb Lebensgefahr besteht.

 

In der Folgezeit wurde intensiv nach dem Schuldigen gesucht, und man glaubte schnell, diesen in der Person des portugiesischen Lebensgefährten der Mutter gefunden zu haben. Es wurde schnell von Kindesmisshandlung gesprochen. Darauf konzentrierten sich auch die polizeilichen Ermittlungen.

 

Die Kindesmutter war aufgeregt, gab sich ängstlichen Spekulationen über die Todesursache hin und sagte in ihrem Drang, sich selbst seelisch zu entlasten, gegenüber Kindergärtnerinnen und Ärzten Dinge, die zumindest missverständlich waren und sich später als nachteilig für ihren Lebenspartner erwiesen.

 

Was sie tatsächlich gesagt hatte, ist undeutlich. Bekannt ist nur das, was eine Ärztin der Klinik darüber zu Protokoll gab.

 

Der Lebenspartner wurde alsbald wegen Kindesmisshandlung festgenommen. Eine auf Kindesmisshandlungen spezialisierte Ärztin bildete sich schnell die Meinung, dass er das Kind in den Bauch getreten oder geschlagen haben müsse. Es wurde auch schnell spekuliert, dass das unartige Kind ihm zuhause auf den Nerv gegangen und er deshalb ausgerastet sei. Zeugen dafür gab es allerdings nicht. Das Kind wurde als unruhig und impulsiv geschildert, das sich allerdings von der natürlichen Autorität des Lebenspartners der Mutter positiv beeindrucken ließ.

 

Der Lebenspartner der Mutter hatte keinen Anwalt und suchte, allein schon wegen seines niedrigen Bildungsgrades, allein einen gedanklichen Weg, um aus der Misere herauszukommen.

 

Der Lebensgefährte der Mutter schilderte, dass er mit dem Kind nach Hause kam, ihm zu essen machte, und alsdann mit dem Jungen Fernsehen schaute. Gegen 20.15 Uhr sei eine Werbepause gewesen und er habe dem Kind gesagt, es solle sich fertigmachen für das Bett. Der Junge habe ihn dann gebeten, mit ihm zu spielen. Zunächst habe er das Kind seitlich unter den Achseln gefasst und nach oben geworfen, wie es viele Väter mit ihren Kindern tun. Dann habe aber der Junge den Wunsch geäußert, „Flieger“ zu spielen. Demzufolge nahm der Lebensgefährte der Mutter den Jungen auf seine beiden Arme und warf ihn hoch.

 

Das Unglück nahm seinen Lauf, als er, wie er der Polizei schilderte, den Jungen beim Herabfallen nicht mehr richtig zu fassen bekam und, um zu vermeiden, dass er auf dem Boden aufschlug, sein Knie nach oben zog, um den Jungen abzufangen. Dieser stürzte auf das Knie, klagte zunächst über Schmerzen, wollte dann aber doch mit dem Lebensgefährten der Mutter weiter Fernsehen schauen, was auch geschah.

 

Dieser fragte das Kind in seiner Beunruhigung und mit seinen Schuldgefühlen wiederholt, wie es ihm gehe. Der Junge, der tapfer sein wollte, sagte: „Schon besser“.

 

Als der Junge gegen 21.00 Uhr ins Bett gehen sollte, schickte ihn der Lebenspartner der Mutter, wie er bei der polizeilichen Erstvernehmung als Zeuge schilderte, nochmals auf die Toilette. Auf dem Weg dorthin schwankte der Junge und setzte sich dann auf seinen Po. Er war kaum mehr ansprechbar.

 

Der Lebensgefährte der Kindesmutter konnte sich, wie er in der Hauptverhandlung schilderte, nicht erklären, was der Grund für dieses Verhalten des Kindes war, und legte es auf den Boden. Kurze Zeit später kam die Kindesmutter nach Hause, die das Elend sah und veranlasste, dass der Rettungswagen gerufen wurde.

 

Die Ärzte hatten die Sachlage völlig falsch eingeschätzt und die unbedingt erforderlichen Untersuchungen mittels Ultraschall und Röntgen nicht sofort durchgeführt. Dann hätte sich gezeigt, dass innere Blutungen vorlagen und sofort operiert werden musste.

 

Für diese Fehler wurde schnell ein Schuldiger gesucht. Man fand ihn in dem portugiesischen Lebensgefährten der Kindesmutter. Den Schilderungen, dass er mit dem Kind gespielt, dieses hochgeworfen habe, es aber nicht mehr habe auffangen können, so dass es auf sein Knie gestürzt sei, wollte man nicht glauben und fand hierfür auch gleich einen Sachverständigen. Auch die Uhrzeit, wann das Spiel gewesen sein soll, nämlich während der Werbepause gegen 20.15 Uhr, wollte man nicht als richtig ansehen und argwöhnte Misshandlungen gegen 17.00 Uhr.

 

Neun Tage nach dem Tod des Kindes war der Lebensgefährte der Mutter, obwohl man ihn früh als Beschuldigten einer Kindesmisshandlung sah, zur angeblichen Zeugenvernehmung auf seiner Arbeitsstelle als Bauarbeiter zur Vernehmung abgeholt worden, und mehrere Vernehmungsbeamte konfrontierten ihn in der Abgeschlossenheit des Vernehmungsraumes mit den Vermutungen der Polizei. Infolge des geringen Bildungsgrades hielt er es im Rahmen einer langen Vernehmung für richtig, in wenigen Einzelpunkten zu kleinen Notlügen Zuflucht zu nehmen und nichts von einem Herabstürzen des Kindes zu erwähnen. Ab Seite 11 seines Vernehmungsprotokolls schilderte er seine Vermutung, dass das Kind einen Infekt gehabt und sich deshalb übergeben hätte. Dies erwies sich später als verhängnisvoll nach dem allgemeinen Grundsatz:

 

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …

 

Nachdem die Obduktion erfolgt war, wurde das Ergebnis den vernehmenden Kripobeamten mitgeteilt. Sie hielten alsdann dem bisher vermeintlichen Zeugen entgegen, dass seine Schilderung insgesamt nicht glaubwürdig sei. Es sei von Gewalteinwirkung gegen den Körper des Kindes auszugehen. Ab Seite 14 behandelte man ihn als Beschuldigten.

 

Die Kriminalpolizei arbeitete in der Folgezeit nur noch an der Hypothese, dass der Lebensgefährte der Mutter das Kind misshandelt und ihm mit der Faust in den Bauch geschlagen oder in den Bauch getreten habe. Dies passte auch gut in das Konzept der Ärzte, die das Kind nicht richtig behandelt und notwendige Maßnahmen unterlassen hatten. Denn je schlimmer das gemutmaßte Verhalten des Lebensgefährten der Kindesmutter war, desto geringer erschien das eigene Verschulden. Jetzt dachte jeder an sich selbst.

 

Der Assistent eines renommierten Rechtsmediziners kam schnell zu dem kühnen Ergebnis, dass die Schilderung des Lebensgefährten der Mutter nicht richtig sein könne. Es sei gar nicht möglich, ein Kind hochzuwerfen und dann zu versuchen, es mit dem hochgezogenen Knie vor dem Aufprall am Boden zu bewahren. Dies wurde anhand von vermeintlichen Experimenten widerlegt. Infolgedessen hielt auch der Rechtsmediziner die Einlassung des Lebensgefährten der Mutter nicht für richtig. Es erfolgte eine Anklage wegen Mordes durch Unterlassen. Es wurde unterstellt, dass der roh gesinnte Lebensgefährte der Kindesmutter den Tod des Kindes durch Schweigen hingenommen und verursacht habe, um nicht offenbaren zu müssen, dass er das Kind angeblich durch Tritte in den Bauch und Faustschläge schwer misshandelt hatte.

 

Die erste Hauptverhandlung verlief dann doch etwas anders. Unter den Sachverständigen gab es zwei Lager. Die einen führten aus, dass das Kind nicht ruhig gelegen haben und weiterhin mit dem Lebensgefährten der Mutter dem Fernsehprogramm gefolgt haben könne, wie er es geschildert hatte, weil es wegen des Austretens der Gallenflüssigkeit fürchterliche Schmerzen gehabt haben müsse. Andere Gutachter führten aus, dass dies keineswegs zwingend sei. Wenn das Kind auf der Seite lag, konnten die verletzten Stellen durch den Druck anderer Organe verschlossen gewesen sein, so dass es nicht zu einem Austritt der scharfen Gallenflüssigkeit in den Bauchraum gekommen sein muss.

 

Der Physiker Prof. Dr. Brüggemann von der Kölner Sporthochschule, Sachverständiger für Biomechanik, zuletzt bekannt geworden als Gutachter in der Unfallsache in der Sendung von Thomas Gottschalk „Wetten dass“, setzte sich intensiv mit den Behauptungen des Assistenten der Münchener Rechtsmedizin auseinander und kam zu dem Ergebnis, dass es sehr wohl so gewesen sein konnte, wie es der Angeklagte geschildert hatte. Es sei physikalisch durchaus möglich, das Knie hochzuziehen, um den Sturz des fallenden Kindes auf den Boden zu vermeiden. Durch die Knie-Oberfläche sei möglicherweise ein solcher Druck auf die inneren Organe ausgeübt worden, dass es zu den entsprechenden Einrissen kam.

 

Nach fünf Verhandlungstagen der ersten Hauptverhandlung wurde der Lebensgefährte der Kindesmutter am 30.09.2008 wegen verbleibender Zweifel hinsichtlich des Anklagevorwurfes zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr 10 Monaten mit Bewährung wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verurteilt.

 

Die Zeugin, die die Pizzeria am Tag des unglücklichen Geschehens geführt, und die die Kindesmutter noch erlebt hatte, bevor diese nach Hause zurückkehrte, konnte in der ersten Hauptverhandlung nicht vernommen werden, weil sie nicht erreichbar war.

 

Auf die Revision der Staatsanwaltschaft hin, die die Beweiswürdigung des Gerichts kritisierte, hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf, und es musste neu verhandelt werden.

 

Die Beweisaufnahme lief in gleicher Weise wie im ersten Prozess und weckte die Hoffnung, dass es bei einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 10 Monaten mit Bewährung verbleiben werde.

 

Nachdem die Sachverständigen gehört worden waren, wurde plötzlich die Zeugin aus der Pizzeria geladen, die in dem ersten Prozess nicht hatte herbeigeschafft werden können, obwohl ihre Aussage von erheblicher Bedeutung zu sein schien.

 

Diese schilderte zur Überraschung des Angeklagten, dass dieser die Kindesmutter, wie es auch in dem späteren Urteil niedergeschrieben wurde, gegen 21.00 Uhr in der Pizzeria angerufen haben soll. Hierbei soll er geschildert haben, dass das Kind ein Loch im Kopf habe und sofort in die Universitätsklinik müsse. Die Mutter sei alsdann sofort nach Hause zurückgekehrt, nachdem sie noch ihren Lohn für diesen Tag erhalten habe.

 

In der polizeilichen Vernehmung hatte dieselbe Zeugin noch geschildert, dass der Angeklagte seine Lebensgefährtin gegen 19.00 Uhr oder 19.30 Uhr angerufen habe, was einen großen Unterschied macht.

 

Mit der Aussage dieser Zeugin wurde die Einlassung des Angeklagten ad absurdum geführt. Denn danach gab es kein unglückliches Geschehen beim Spielen während der Werbepause gegen 20.15 Uhr, sondern einen von dem Angeklagten verschwiegenen Vorgang möglicherweise vor 19.00 Uhr, der zu den schwerwiegenden Verletzungen im Bauchraum des Kindes geführt hatte. Der Lebensgefährte der Mutter stand plötzlich als Lügner da, und dies führte zu der geänderten Sicht, dass er das Kind schwer misshandelt haben müsse.

 

Die Kindesmutter, die ja erneut als Nebenklägerin aufgetreten war, in Begleitung und mit Unterstützung einer Opferanwältin, wurde als Zeugin gehört, ob sie denn tatsächlich angerufen worden sei. Die Kindesmutter bestritt dies energisch und sagte, es hätte nie einen solchen Anruf gegeben. Bei den Behauptungen der Zeugin aus der Pizzeria handele es sich um eine bösartige Erfindung, zusammengereimt aus den reißerischen Zeitungsberichten.

 

Es wäre ein Leichtes gewesen, zu klären, ob es diesen angeblichen Hilferuf der Kindesmutter gegen 19 Uhr oder 19.30 Uhr oder 21.00 Uhr gegeben hat, wenn die Kripo von Anfang an die Verbindungsdaten der Handys gesichert und ausgewertet hätte. Dann hätte man gewusst, ob es einen solchen Anruf in die Pizzeria überhaupt gegeben hat oder nicht. Da eine solche Sicherung nicht geschehen ist, ging der Verlust eines möglicherweise entlastenden Beweismittels zulasten des Angeklagten, was sich nunmehr auch negativ für die Kindesmutter auswirken könnte.

 

Das Gericht glaubte der Kindesmutter nicht, insbesondere weil die Behauptungen der Zeugin aus der Pizzeria zu den Bekundungen der einen Ärztin passten, mit der die Kindesmutter am Tag nach dem Tod ihres Sohnes gesprochen haben soll, sondern verurteilte den Angeklagten in Abweichung von dem früheren Urteil der Schwurgerichtskammer, die noch eine fahrlässige Tötung angenommen hatte, wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit Mord zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten.

 

Jetzt auf einmal stand auch die Kindesmutter in einem zweifelhaften Licht da, weil sie wider besseres Wissen untätig geblieben sei und den Sanitätern nichts gesagt habe. Es nützte ihr nichts, dass sie wiederholt betont hatte, dass sie nur deshalb als Nebenklägerin der Hauptverhandlung folge, weil sie selbst nicht wisse, was wirklich geschehen sei, und sich eine Erklärung in der Hauptverhandlung vor Gericht verspreche. Ihre Opferanwältin hatte sie hierbei unterstützt, wenngleich sie sich in der Hauptverhandlung gegenüber dem Angeklagten als sehr kritisch verhalten hatte.