Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Die abendlichen Fernsehkrimis wie „Tatort“, „Soko Leipzig“, „Schimanski“ zeigen eindrucksvoll und nachvollziehbar die Vernehmungstechniken der Ermittlungsbeamten. Es handelt sich keineswegs um rein konstruierte Fantasieszenen. Deshalb sind sie so lehrreich.

 

Bei den Beschuldigten handelt es sich in der Regel um Täter schwerwiegender Taten, die nicht selten als deformierte Persönlichkeiten dargestellt werden. Dementsprechend sind die Filme so gestaltet, dass der Zuschauer die Schachzüge der Vernehmungsbeamten durchaus billigt und spannend findet nach dem Motto:

 

Der/die Beschuldigte hat es nicht besser verdient!

 

Man stelle sich aber vor, dass ein Unschuldiger in eine solche Situation gerät.

 

Zunächst wird der Beschuldigte abgeholt, oft auch an der Arbeitsstelle und nicht selten mit der Behauptung, er sei Zeuge, oder gleich als Beschuldigter festgenommen und in einen Raum verbracht, wo er mit zwei Vernehmern allein ist. Einer übernimmt die Rolle des Verständnisvollen, der andere diejenige des Empörten, der auch ganz laut werden kann, Druck macht und droht, es werde schlimme Folgen für den Beschuldigten haben, wenn dieser nicht redet. Die Filme zeigen, wie destabilisierend dies wirkt. Der Beschuldigte soll dazu gebracht werden, ein Geständnis abzulegen oder jedenfalls etwas zu sagen, womit er sich in Widersprüche verwickelt, so dass man auf diese Weise zu der Überzeugung seiner Täterschaft gelangt nach dem Motto:

 

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …

 

Regelmäßig fordern die Ermittler: Sagen Sie, wie es war, das ist für Sie am besten, obwohl es für den interessierten Betrachter offensichtlich ist, dass es den Festgenommenen in die Katastrophe führt, wenn er die Erwartungshaltung der Vernehmer bestätigt.

 

Ein Verteidiger ist kaum jemals anwesend, und es wird auch nicht gezeigt, dass man sich um das Hinzukommen eines Verteidigers bemüht hat. Der vernommene Beschuldigte wird in einer psychischen Lage gezeigt, in der er nicht den Mut hat, auf das Herbeirufen eines Verteidigers zu bestehen, oder gar nicht erst auf den Gedanken kommt.

 

Nicht selten wird auch signalisiert, dass der Beschuldigte sich besser steht und seine Aussagen glaubwürdiger sind, wenn er sich vernehmen lässt und Fragen beantwortet, bevor er mit einem Rechtsanwalt/Verteidiger gesprochen hat. Es wird auch kein Zufall sein, dass die maßgeblichen Vernehmungen so oft nachts und bis in die Morgenstunden erfolgen, so dass Rechtsanwälte kaum erreichbar sind. Es liegt auch auf der Hand, dass Aufregung, Ermüdung und Erschöpfung des festgenommenen Beschuldigten in der nächtlichen Vernehmung zu Konzentrationsmängeln, Irrtümern, Erinnerungslücken oder Fehlstrategien führen können, die eine derartige Vorgehensweise als fragwürdig erscheinen lassen.

 

Tatsächlich misst die Strafprozessordnung (StPO) der Verteidigung durchaus eine große Bedeutung zu. Der Rechtsanwalt wird als Organ der Rechtspflege gleichrangig gesehen zu dem Gericht und der Staatsanwaltschaft. Die Rechtsprechung der obersten Gerichte hat das

 

Rechtsprinzip des fairen Verfahrens

 

entwickelt, dem eine große Bedeutung beigemessen wird. Verstöße nachzuweisen, wird allerdings in der Regel schwierig sein, weil der Beschuldigte in der nächtlichen Vernehmung den Vernehmern allein gegenübersitzt und diese ihre eigene Strategie verfolgen, die sie naturgemäß dem zu Vernehmenden nicht mitteilen. Behauptet ein Beschuldigter, unter Druck gesetzt worden zu sein, um damit das, was in das Vernehmungsprotokoll hineingeschrieben worden ist, zu relativieren, so kommt dies auch nicht gut bei Gericht an, wenn ihm der Beweis nicht möglich ist.

 

Aus alledem ergibt sich, dass gerade die frühe Phase des Ermittlungsverfahrens und des Geschehens von besonderer Bedeutung ist, in der ein Beschuldigter überlegen sollte,

 

- ob er etwas sagt oder nicht,

- ob er darauf besteht, einen Verteidiger hinzuzuziehen, um sich mit diesem darüber abzu-

stimmen, wie er sich verhalten soll.

 

Erfahrene Verteidiger wissen, dass eine frühe und richtige Einlassung glaubwürdiger und wirksamer sein kann als eine spätere, in der taktiert wird. Sie wissen aber auch, dass dies eher die Ausnahme ist und sie leider oft genug erst dann den Mandanten erreichen, wenn dieser schon so viel geredet hat, dass die Würfel gefallen sind. Dass ist dann die Situation, in der dem Beschuldigten die Möglichkeit gegeben wird, einen Verteidiger anzurufen.