Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Folgen des Rededranges nach Tötung der Ehefrau

 

Nichtwahrnehmung des Rechtes zur Auskunftsverweigerung als Beschuldigter gem. § 55 StPO

 

 

 

Der Chefarzt der Chirurgie eines großen Krankenhauses in Rheinland-Pfalz, nennen wir ihn Dr. C, tötete Anfang der 80er Jahre seine Ehefrau. Das Motiv blieb unklar. Es war vom Fremdgehen der Frau die Rede, Spannungen in der Ehe (nach dem Muster: „Tötung des Intimpartners“, Habilitationsschrift Prof. Dr. Rasch) und einem beruflichen Aufgeriebensein.

 

Bei der Obduktion stellte man fest, dass es Hammerschläge auf den Kopf der Frau gegeben hatte. Ob dies den Tod des Opfers verursacht hatte, ließ sich nicht klären. Tödlich war auf jeden Fall die Spritze, die Dr. C seiner Frau nach den Hammerschlägen gesetzt hatte. Es handelte sich um eine Mischung von Succinyl und Evipan.

 

Succinyl ist weithin bekannt unter dem Namen „Curare“, einem tödlich wirkenden Indianerpfeilgift. Durch die Substanz wird die Atemmuskulatur gelähmt, so dass das Opfer bei vollem Bewusstsein erstickt. Succinyl wird für Operationen am offenen Brustkorb (Thorax) von der Chirurgie eingesetzt. Zusätzlich wird, wie es auch Dr. C getan hat, Evipan verwendet, ein Narkosemittel, das dem Patienten, hier dem Opfer das Bewusstsein nimmt/nahm.

 

Dr. C wurde nach der Tat selbst in die Intensivstation eingeliefert, weil er sich in suizidaler Absicht selbst eine Spritze gesetzt hatte. Er ließ sich ein, dass er sich selbst auch eine Mischung von Succinyl und Evipan gespritzt hatte. Die Verwendung des Medikamentes Succinyl, das normalerweise tödlich gewesen wäre, glaubte ihm die Staatsanwaltschaft nicht, weil er überlebt hatte.

 

Die Kripo holte ihn nach einigen Tagen, nachdem er überlebt hatte, aus der Intensivstation und brachte ihn zu dem Haftrichter. Dort nahm man Erklärungen von ihm zu Protokoll, die einem Geständnis gleichkamen. Dr. C musste demzufolge mit einer Anklage wegen Mordes rechnen.

 

Der Verteidiger stellte allerdings, nachdem ihm das Protokoll zur Verfügung gestellt worden war, fest, dass Dr. C etwa 30 Kommas, also Satzzeichen, nachgezogen hatte. Hieraus und aus anderen Indizien ließ sich unwiderlegbar – im Zweifel für den Angeklagten - ableiten, dass Dr. C, als er durch den Haftrichter befragt wurde und dort auch Antwort gab, nicht vernehmungsfähig war. Es war nun Sache der Staatsanwaltschaft, zu beweisen, dass seine Einlassung nicht richtig sei, dass er seine Ehefrau im Zustand der schuldausschließenden Verwirrung und der eigenen Suizidalität getötet hatte, wofür auch sprach, dass er sich selbst die tödliche Substanz gespritzt hatte und deshalb in der Intensivstation war.

 

Die Staatsanwaltschaft glaubte Dr. C seine Einlassung nicht und meinte, dass ein erfahrener Chirurg nicht so dilettantisch ist, eine tödliche Spritze so zu setzen, dass sie die Vene nicht trifft und daneben geht. Zudem hätte er sich nur Evipan, nicht aber auch Succinyl gespritzt. Sie vertrat den Standpunkt, dass das Geständnis vor dem Haftrichter richtig sei und klagte wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen, so auch aus Hass an.

 

Es erfolgte eine außergewöhnlich komplizierte und langdauernde Beweisaufnahme. 13 Gutachter waren geladen, so

 

ein forensischer Psychiater

ein Psychologe

ein Rechtsmediziner

ein Biologe

ein Chemiker

ein Toxikologe

ein Pharmakologe

ein Vertreter der Herstellerfirma von Succinyl

usw.

 

Wie in der Regel bei Menschen, die einen anderen getötet haben, wurde auch Dr. C mit seiner Tat nicht fertig und hatte einen hohen Gesprächs- und Selbstrechtfertigungsdrang. In seiner Abgeschlossenheit in der Untersuchungshaft entwickelte sich ein starkes Bedürfnis, zu sprechen.

 

Der erfahrene Verteidiger wies auf die sich für ihn daraus ergebenden Risiken hin.

 

Hierzu bestand Veranlassung, weil in der JVA ein Psychologe – nennen wir ihn Dr. Q - tätig war, der sonst oft auch in Gerichtsverfahren als Sachverständiger hinzugezogen worden war, allerdings nicht in dem Schwurgerichtsverfahren gegen Dr. C. Dies schmerzte ihn, weil er seine Sachkompetenz nicht genügend gewürdigt sah.

 

Er tat das, wovor Dr. C wiederholt gewarnt worden war. Er näherte sich diesem mit menschlicher Zuwendung und widmete ihm solange Zeit für persönliche, schulderleichternde Gespräche, bis Dr. C auf seine gezielte Frage hin bestätigte, dass das Geständnis bei dem Haftrichter in der Tat doch richtig sei.

 

Aus der Tatsache, dass Dr. Q kurz danach als weiterer Gutachter hinter der breiten Gutachterbank im Gerichtssaal saß, darf geschlossen werden, dass er sich sofort mit seinem Wissen an den Vorsitzenden – nennen wir ihn Dr. V – gewandt, ihm das frisch erworbene Wissen mitgeteilt und dadurch seine Hinzuziehung als weiterer Sachverständiger und belastender sachverständiger Zeuge erreicht hat.

 

Die Verteidigung hat naturgemäß sofort beanstandet, dass hier die Verschwiegenheitspflicht verletzt worden und deshalb der Inhalt des Gespräches gerichtlich nicht verwertbar ist. Da aber Dr. Q ein probates Beweismittel war, um dem Angeklagten Dr. C in einem kürzeren Verfahren seine Tat nachzuweisen, nützte dies nichts.

 

Dennoch gestaltete sich die Beweisaufnahme höchst kompliziert, weil das pharmakologische Wissen über Succinyl und Evipan und die Wechselwirkung im Hinblick auf individuellen Reaktionen begrenzt war.

 

Besondere Schwierigkeiten bereitete die Substanz „Succinyl“. Seinerzeit war bekannt, dass die Zerfallsprodukte von Succinyl, d. h. die Metaboliten, nur kurze Zeit nach der Spritzung nachweisbar waren und dann nicht mehr. Deshalb meinte die Staatsanwaltschaft, dass sich Dr. C diese Kenntnis zunutze gemacht und in der Erwartung, dass ihm dies nicht widerlegt werden könne, behauptet hat, sich selbst auch Succinyl gespritzt zu haben.

 

Mehrere Gutachter versuchten, den Nachweis oder Nichtnachweis auf verschiedenen Umwegen zu führen, was allerdings nicht überzeugend gelang.

 

Auch der anscheinend den Durchbruch gewährleistende Beitrag des Psychologen Dr. Q erwies sich nicht als bahnbrechend, weil das Zustandekommen seines vermeintlichen Wissens dubios war. Die Schwurgerichtskammer war also gezwungen, sich mit den sich stellenden schwierigen pharmakologisch-chemischen Problemen auseinanderzusetzen, was sich als zunehmend schwieriger erwies.

 

Schließlich behauptete ein Mitarbeiter eines rechtsmedizinischen Universitätsinstitutes, in der Lage zu sein, die Metaboliten von Succinyl in der noch vorhandenen Blutprobe von Dr. C, die ihm in der Intensivstation abgenommen worden war, nachzuweisen oder deren Vorhandensein sicher auszuschließen. Die Erleichterung des Gerichtes währte nicht lange, nachdem sich der Verteidiger mit renommierten Wissenschaftlern aus dem Bereich der Rechtsmedizin in Verbindung gesetzt hatte. Diese meinten, es sei nicht Ziel führend, dass sich der Verteidiger in eine komplizierte wissenschaftliche Diskussion begibt, für die ihm die naturwissenschaftlichen Grundlagen fehlen, sondern gaben ihm anheim, eine bestimmte vorformulierte Frage zu stellen.

 

Daraufhin kam es zu einem Eklat, weil der Mitarbeiter der Rechtsmedizin, der sich ein nicht vorhandenes Wissen beigemessen hatte, tatsächlich einräumen musste, dass auch er die Metaboliten von Succinyl nicht nachweisen oder ausschließen könne. Es kam die Frage auf, wer aus der Zunft dem Verteidiger den maßgeblichen Hinweis gegeben hatte.

 

Der Verteidiger fand dann heraus, dass es seinerzeit nur zwei Wissenschaftler gab, die vielleicht in der Lage gewesen wären, die Vergabe von Succinyl im Blut auch später noch nachzuweisen. Einer war ein Wissenschaftler im Polizeidienst bei Scotland Yard in London, der andere wirkte in Australien. Der Verteidiger hat alsdann einen sachdienlichen Beweisantrag gestellt, um beide Wissenschaftler laden zu lassen zum Nachweis dafür, dass sich Dr. C in der Tat doch selbst auch das tödlich wirkende Mittel Succinyl gespritzt hatte.

 

Da fragwürdig blieb, ob es jemals möglich sein würde, dem ehemaligen Chefarzt Dr. C einen Mord nachzuweisen, wurde dieser schließlich wegen Totschlages zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt.

 

Hätte sich Dr. C in seiner Gewissensnot nicht in ein scheinbar tröstendes Gespräch mit dem Psychologen Dr. Q verwickeln lassen, so wäre die Strafe vermutlich wesentlich niedriger ausgefallen.

 

Dr. C gab nicht, wie es andere vielleicht vorsorglich getan hätten, seine Approbation freiwillig zurück, um sie nach der Strafverbüßung möglicherweise neu zu beantragen, was nicht ganz aussichtslos war, sondern ließ es auf den Entzug der Approbation durch die Ärztekammer ankommen, gegen den er erfolglos vor dem Verwaltungsgericht und später noch vor dem Oberverwaltungsgericht klagte.