Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Toter auf der Segelyacht „Kandahar“ in Puerto Andraitx, Mallorca

 

 

Die Verurteilte hatte mit ihrem Lebensgefährten eine große, 28 Meter lange Zweimast-Segelyacht, die von Segelfreunden gegen Entgelt gechartert werden konnte. Die Yacht war überholt worden und lag während der Winterzeit vor dem eigentlichen Hafengelände in Puerto Andraitx, Mallorca, vor Anker.

 

Am 12.01.2005 fand Ralf, ein Freund des Paares, die Verurteilte und ihren Lebensgefährten blutüberströmt im Inneren des Schiffes. Während die Verurteilte bewusstlos im vorderen Schiffsteil lag, wurde ihr Lebensgefährte tot in der Eignerkabine aufgefunden.

 

Mangels eines anderen greifbaren Tatverdächtigen ging die Guardia Civil schnell dazu über, die im Vorderschiff aufgefundene gleichfalls schwerverletzte Frau als Täterin zu beschuldigen.

 

Zeugen hatte es nicht gegeben. Ein schwerer Vorschlaghammer, der angeblich zur Ausrüstung der Yacht gehören soll, wurde Tage später von Tauchern von dem dort nicht sehr tiefen Meeresboden geholt. Fingerabdrücke waren darauf nicht zu erkennen.

 

Neben der Kajüte hatte ein Schlauchboot mit Außenbordmotor gelegen (eine Zodiac), das an der Yacht befestigt war. Allerdings war die Luft schon zum großen Teil aus den Luftkammern entwichen.

 

Die Frau hatte tiefe Einschnitte am Hals auf beiden Seiten senkrecht unterhalb der Ohren und waagerecht, ferner auf der Innenseite der Unterarme. Sehnen, Blutgefäße und Nerven waren durchtrennt. Das Schnittmuster konnte auf einen fremden Täter schließen lassen, allerdings auch auf eine Selbstzufügung im Rahmen eines ernsthaften Selbstmordversuches. Sie wurde bewusstlos in ein Krankenhaus verlegt, konnte dort gerade noch gerettet werden, und wurde von dort in die Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt von Palma de Mallorca verlegt.

 

Ihr Oberkiefer bereitete Probleme, und es wurde ein deutscher Zahnarzt beauftragt, den erforderlichen Zahnersatz herzustellen. Die Rechnung war beträchtlich, allerdings passte der Zahnersatz nicht, und das verwendete Material löste allergische Reaktionen aus. Es musste immer wieder nachgebessert werden. Die Frau machte starke Zahn- und Kieferschmerzen infolge Entzündung und Vereiterung geltend, die allerdings niemand ernst nahm. Man sah sie als Simulantin, die sich dem Gerichtsverfahren entziehen wollte.

 

Sie litt auch an einer Störung der Nierenfunktion und musste deshalb Diät zu sich nehmen. Diese wurde zwar von dem Anstaltsarzt angeordnet, gelangte allerdings nicht bis zu ihr. Demzufolge geriet sie in einen schlechten körperlichen Zustand.

 

Die Zelle war nicht geheizt, und in der Winterzeit herrschte eine erhebliche Kälte. Eine Mitgefangene bestand darauf, dass das Fenster schräg gestellt offen blieb.

 

Die Frau hatte nur geringfügige Spanisch-Kenntnisse. Die weiblichen Mitgefangenen waren überwiegend Sinti und Roma, die wegen Drogendelikten in Haft waren und dort ihre Drogengeschäfte weiter betrieben. Die Frau hatte einen schweren Stand, weil sie damit nichts zu tun haben wollte. Da ihr der Anstaltsarzt helfen wollte, verlegte er sie zu ihrem Schutz möglichst lange in die Krankenabteilung.

 

Die besondere Situation der Frau führte dazu, dass sie sich bei manchem Bediensteten der JVA unbeliebt machte. Einige von ihnen neigten dazu, gegen Gefangene, auch weibliche, mit dem Schlagstock vorzugehen, wenn diese nicht ihren Erwartungen entsprachen. Hierzu wurden die Gefangenen in eine Einzelzelle gesperrt, so dass niemand mitverfolgen konnte, was dort geschah. Es soll Verfahren gegen diese Beamten, auch eine Frau unter ihnen gegeben haben.

 

Vor Beginn der Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht Palma de Mallorca wurde die Inhaftierte abends aus dem Innenbereich der Justizvollzugsanstalt in einen anderen nach außen verlegt, in dem zunächst die neu angelieferten Gefangenen untergebracht werden, aber auch diejenigen, die am nächsten Tag Verhandlung vor Gericht haben. Man nahm ihr ihre Sachen weg, und sie musste ohne Bettdecke und Hygieneartikel die Nacht zubringen. Sie berichtet, dass sie infolge ihrer Schwäche und eines Stoßes durch eine Bedienstete die Treppe heruntergefallen sei und sich hierbei erheblich verletzt habe. Zu ihrem allgemeinen Schwächezustand, den Zahn- und Kieferschmerzen, kamen jetzt noch die Schmerzen durch einen üblen Sturz.

 

Zu Beginn der Hauptverhandlung gegen 9:15 Uhr machte die Angeklagte geltend, dass sie wegen ihrer Schmerzen der Verhandlung nicht folgen könne. Die vorsitzende Richterin unterbrach die Sitzung und ließ die Frau durch einen Arzt untersuchen. Diesem schilderte sie ihre schlimmen Erlebnisse und Beschwerden, und er machte sich Notizen. Eine Niederschrift hierüber befindet sich allerdings nicht in den Akten.

 

Der Staatsanwalt gab ein Fernsehinterview, in dem er erklärte, die Angeklagte sei eine Simulantin.

 

Beobachter des Prozesses, so auch ein früherer Mitarbeiter des Deutschen Konsulats, berichten, dass die Angeklagte mittags, nachdem man sie aus dem Krankenhaus geholt hatte, nicht in der Lage war, sich auf den Beinen zu halten. Sie wurde, so sah es aus, in den Gerichtssaal geschleift.

 

Sie wurde durch einen mallorquinischen Strafverteidiger verteidigt, der kein Deutsch sprach. Nicht bekannt ist, wie viel Erfahrung er mit Tötungsdelikten und Phänomenen der verminderten Schuldfähigkeit hat. Er holte sich Unterstützung eines jungen deutsch-spanischen Rechtsanwalts, der allerdings im Strafrecht nicht bewandert war. Beobachter berichten, dass die Verteidigung kaum Initiativen ergriffen hat und die Hauptverhandlung treiben ließ. Beweisanträge wurden nicht gestellt. Prozessbeobachter zogen hieraus die Schlussfolgerung, dass selbst die Verteidiger nicht an die Unschuld ihrer Mandantin glaubten. Es gab Signale für wechselseitige Abneigung.

 

Während der Hauptverhandlung, auch während der Zeugenvernehmungen, wurde der Angeklagten nur zeitweise ein Dolmetscher zur Seite gestellt. Einen Simultandolmetscher, wie es nach der Europäischen Menschenrechtskonvention notwendig ist, hatte sie nicht. Sie erfuhr eher in einer Zusammenfassung, was das Ergebnis der bisherigen Verhandlung war, und was spanische Zeugen gesagt hatten.

 

Die Sitzordnung in der Hauptverhandlung war so, dass kein dauernder Kontakt zu dem Deutsch sprechenden Rechtsanwalt bestand. Die Angeklagte war im Ergebnis auf sich selbst gestellt.

 

Das Gericht verurteilte die Angeklagte wegen Mordes an ihrem Lebensgefährten zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren. 18 ½ Jahre wäre die höchste gesetzliche Strafe gewesen. Das Gericht ging davon aus, dass die Angeklagte den Hammer als Tatwaffe benutzt und damit ihrem Lebensgefährten den Schädel eingeschlagen hätte. Alsdann hätte sie den Hammer aus dem Bullauge der Kajüte geworfen. Dieser sei auf das seitlich befestigte schlaffe Schlauchboot (Zodiac) und von dort ins Wasser gefallen. Deshalb sei die Angeklagte, um ihre Täterschaft zu vertuschen, durch das Bullauge der Eignerkabine gekrochen, um von dort auf das schlaffe Schlauchboot zu gelangen und den Tathammer ins Meer zu werfen.

 

Wenn die Angeklagte allerdings vorhatte, sich selbst umzubringen, wofür auch hätte sprechen können, dass sie kurz vor ihrem Verbluten gefunden wurde, so bleibt die Frage offen, warum sie den Hammer hätte ins Meer werfen sollen. Denn dann hatte sie keine Veranlassung mehr, eine Tat zu vertuschen.

 

Nach spanischem Recht wurde ihr besonders straferschwerend angelastet, dass sie eine „Beziehung“ zu dem Tatopfer hatte. Nach deutscher Rechtsauffassung hätte dies allerdings zu einer forensisch-psychiatrischen Begutachtung führen müssen zur Klärung der Frage, ob die Angeklagte, wenn sie überhaupt Täterin war, zum Tatzeitpunkt schuldunfähig oder vermindert schuldfähig war. Es ist unter der Rubrik: „Tötung des Intimpartners“ unter Wissenschaftlern bekannt, dass sich in einem fehllaufenden Beziehungsgeflecht die Emotionen so aufstauen können, dass sie einem Pulverfass gleichen, das durch eine weitere Kleinigkeit als Auslöser zur Explosion gebracht werden kann. Das Bezirksgericht in Palma hielt es gar nicht erst für notwendig, dieser Frage nachzugehen, obwohl sie sich wegen des Musters des möglichen Suizidversuches geradezu aufdrängte. Es stellt sich die Frage, ob die Verteidiger mit dieser Problemstellung überhaupt vertraut waren.

 

Zunächst hatte ein Polizeibeamter der Guardia Civil erklärt, dass die Kajütentür von außen abgeschlossen gewesen sei, was für die Täterschaft durch eine unbekannte dritte Person sprach. Ralf, ein Freund des Paares ging allerdings dazu über, zu erklären, die Kajüte sei von innen abgeschlossen gewesen. Dies veranlasste das Gericht zu der Überlegung, dass die Angeklagte durch das Bullauge nach draußen gelangt sein muss, um alsdann die Bordwand hochzuklettern, über eine Treppe wieder nach unten zu gehen und sich in den vorderen Schiffsteil zu begeben, um dort zu sterben. Die Richtigkeit dieser komplizierten Theorie, für die es keine Zeugen gibt, drängt sich nicht gerade auf.

 

Da kein anderer Täter erkennbar oder greifbar war, wurde nach einem solchen auch nicht weiter geforscht. Ungeklärt blieb, ob und in welche Machenschaften etwa das Tatopfer verstrickt gewesen sein könnte, etwa misslungene Immobiliengeschäfte oder zweckentfremdete Anzahlungen, und ob sich nicht daraus eine Tatmotivation für einen anderen, bisher unbekannten Täter ergibt. Nach dem Grundsatz:

 

Im Zweifel für den Angeklagten …

 

hätten möglicherweise verbleibende Zweifel zu einer anderen Beurteilung der Angeklagten geführt, die bisher ihre beschlagnahmten Sachen wie Ausweise und Schmuck nicht zurückerhalten hat.

 

Die Angeklagte geriet durch das Urteil, das knapp unter der Höchststrafe von 18 ½ Jahren liegt, in einen Zustand der Verzweiflung und wollte nur noch eins: Weg aus der Justizvollzugsanstalt Palma de Mallorca und zurück nach Deutschland in eine hiesige JVA. In einem Artikel in der Ausgabe 30/2008 der Zeitschrift „Mallorca aktuell“ heißt es unter der Überschrift „Horror hinter Gittern, Bande aus korrupten Beamten und Gefangenen dealt, erpresst, nötigt …“ in einer Bildbeschreibung:

„Palmas Gefängnis wurde selbst zu einem Hort mafiöser Gewalt“

 

Ein Rücktransport konnte allerdings nur dadurch gelingen, weil die Verurteilte einen Beschluss der Strafvollstreckungskammer Koblenz akzeptierte, durch den die durch das Bezirksgericht Palma de Mallorca verhängte Freiheitsstrafe von 18 Jahren bestätigt werden sollte. Aus Gründen der Rechtsstaatlichkeit wurde der Verurteilten ein Pflichtverteidiger beigeordnet. Zu einer weiteren Sachverhaltsklärung der Problematik kam es im Rahmen dieses Verfahrens allerdings nicht. Der Beschluss der Strafvollstreckungskammer wurde rechtskräftig.

 

Die Verurteilte wurde von Beamten des BKA in Palma de Mallorca abgeholt und nach Deutschland transportiert, wo sie sich nunmehr in der Strafvollstreckung befindet. Es wurde damals berichtet, dass der zuständige Kontaktbeamte des BKA in Madrid einen schweren Stand und Mühe hatte, bei den zuständigen Behörden Gehör zu finden. Ein behördlicher Respekt wurde ihm für seine Arbeit nicht entgegengebracht.

 

Die Zahnärztin der Anstalt, wo die Verurteilte jetzt ihre Strafe verbüßt, ferner der Betreiber eines Zahnlabors haben bestätigt, dass der Zahnersatz, den die Verurteilte in Palma de Mallorca durch einen dort tätigen, wenig engagierten deutschen Zahnarzt gegen hohes Honorar erhalten hatte, fehlerhaft war, und dass dieser Entzündungen und starke Schmerzen auslöste.

 

Es stellt sich also nunmehr rückblickend die Frage, ob die damalige Angeklagte zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht Palma de Mallorca überhaupt verhandlungsfähig war. Beobachter des Verfahrens berichten, dass sie apathisch, teilnahmslos und hilflos gewirkt habe.

 

Überprüft wird zurzeit die These des Bezirksgerichts Palma de Mallorca, dass die Verurteilte durch das Bullauge der Kajüte nach außen gekrochen sei. Allerdings ragen vier Metallteile in das Bullauge hinein zur Befestigung eines Fliegengitters. Möglicherweise hätten schon diese ein Sichhindurchzwängen verhindert. Jedenfalls aber hätten diese erhebliche Verletzungen im Vorder- oder Rückenbereich der seinerzeitigen Angeklagten verursacht haben müssen, was allerdings nicht festgestellt wurden.

 

Die jetzige Verteidigung bemüht sich um eine konkrete Überprüfung der Yacht, die inzwischen in Italien liegt. Sollte sich herausstellen, dass die Verurteilte wegen ihrer Körpermaße sich nicht durch das Bullauge hätte zwängen können, so wird zu klären sein, vor welchem Gericht etwa ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt werden kann. Es gibt zudem Anhaltspunkte dafür, dass allgemeine Grundrechte, die für Strafverfahren gelten, nicht beachtet wurden. Jedenfalls aber würde ein Gnadenantrag zu stellen sein.

 

Die Situation der Verurteilten wird naturgemäß dadurch erschwert, dass sie infolge ihrer erheblichen gesundheitlichen Beschwerden keine Revision mehr zum Kassationsgerichtshof in Madrid eingelegt hat, weil dies zu einer Verlängerung des Verfahrens um weitere zwei Jahre geführt hätte, und weil sie den Beschluss der Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Koblenz hat rechtskräftig werden lassen. Denn andernfalls hätte die spanische Justiz die Verurteilte nicht zur weiteren Strafvollstreckung nach Deutschland ausgeliefert.