Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Am 16.07.2008 erschoss die 39-jährige Angeklagte, unsere Mandantin, in der Nähe von Koblenz ihren 47 Jahre alten Freund, als dieser schlief.

 

Zu den gesetzlichen Merkmalen eines Totschlages: „Wer einen Menschen tötet… „ § 212 StGB kam eines der 11 zusätzlichen Merkmale hinzu, nämlich Heimtücke, das heißt die Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit, die den Totschlag zum Mord macht mit der Folge einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe.

 

Die Angeklagte war in der 8. Woche schwanger, und der Getötete war der Erzeuger des Kindes. Diese ungewöhnlichen Umstände machten es besonders notwendig und schwierig, die Lebensverhältnisse von Täter und Opfer genauer zu untersuchen. Denn es musste geklärt werden, ob die Schuldfähigkeit der Angeklagten bei Abgabe der Schüsse erhalten oder maßgeblich eingeschränkt war.

 

Die Angeklagte hatte zwar schon mehrere Beziehungen zu Partnern erlebt, eine Schwangerschaft war ihr allerdings versagt geblieben. Umso stärker entwickelte sich bei ihr der Wunsch nach einem Baby, zumal ihr die Ärzte, als sie kaum 17 Jahre alt war, gesagt hatten, dass sie aus medizinischen Gründen wahrscheinlich kein Kind würde bekommen können.

 

Der neue Freund war markig aufgetreten. Er hatte zunächst bei der Instandsetzung des Hauses geholfen, sich aber dann doch schnell an die Angeklagte herangemacht nach dem Motto: Neue Baustelle, neue Frau. Um sich interessant zu machen, behauptete er wiederholt, er werden von der französischen Fremdenlegion beauftragt, Zielpersonen, die vorher von Geheimdienstlern ausgespäht worden sind, zu erschießen. Dazu werde er hinter der Grenze in Frankreich von einem Hubschrauber abgeholt und nach Erledigung des Auftrages wieder zurückgebracht, möglichst innerhalb von 24 Stunden.

 

Tatsächlich verfügte der Freund über Waffen, verschwand für einen oder zwei Tage und kehrte wiederholt ramponiert mit Merkmalen wie nach einem Kampf zurück. Er äußerte sich auch deprimiert, weil er das, was er gleichsam als „Terminator“ auftragsgemäß erledigt hatte, nicht folgenlos ertragen könne. Über Einzelheiten wollte er allerdings nicht sprechen.

 

Zu beachten war, dass das was dieser Mann behauptete, nicht ganz abwegig war.

 

Womit auch immer dieser Mann sich beschäftigte, ob im Rotlichtmilieu als Geldeintreiber oder geheimdienstlich, er behielt es für sich. Er stellte von Anfang an klar, dass er bei seiner Partnerin auf gar keinen Fall eine Schwangerschaft wolle. Dies begründete er mit ebenso abenteuerlichen Geschichten wie etwa der Behauptung, er habe einen Hirntumor, so dass er nicht mehr lange zu leben habe, und er könne deshalb die Verantwortung für ein Kind nicht übernehmen.

 

Dieses Gehabe muss einen sehr starken Eindruck auf die Frau gemacht haben, denn sie wurde schon kurze Zeit nach dem Aufnehmen einer intimen Beziehung mit ihm schwanger. Sie fühlte sich im Glück, konnte aber darüber nicht sprechen. Um sich nichts anmerken zu lassen, musste sie mit dem wachsamen und misstrauischen Mann Zigaretten rauchen und Wein trinken, wie er es nach seinen Erzählungen als ehemaliger Kämpfer der Fremdenlegion, mit sichtbaren Schussverletzungen gewohnt war.

 

Nach etwa 8 Wochen hielt die Frau das Schweigen nicht länger aus. Sie hoffte, den Mann doch noch umstimmen und dazu bewegen zu können, dass Kind zu akzeptieren. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als von ihm zu hören, dass er ihr das Kind gönnt.

 

Einen ganzen Abend lang versuchte sie dafür eine günstige Gelegenheit zu schaffen und hatte Angst vor dem Augenblick, in dem sie sich ihm offenbaren würde. Denn seine Haltung war immer ganz entschieden gewesen: Keine Schwangerschaft, wenn, dann muss das Kind weg.

 

Gegen 23.00 Uhr fasste sie nach mehreren Gläsern Wein, die beide jeweils zusammen getrunken hatten, Mut und offenbarte ihre Schwangerschaft. Statt einer zustimmenden Zärtlichkeit herrschte eisiges Schweigen. Der Mann sagte:

 

„Das Kind muss weg! Du weißt, dass immer das geschieht was ich sage!“

 

Die Frau war deprimiert, fand keinen Zugang mehr zu dem Mann und legt sich schließlich in erheblich alkoholisiertem Zustand auf eine der beiden Matratzen, die man wegen der Renovierung des Hauses im Wohnzimmer ausgelegt hatte.

 

Gegen 1.30 Uhr erhob sie sich wieder, ging zur Toilette und dann in die Küche, um etwas zu trinken. Sie berichtete, dass sie stark geschwitzt habe und weinte. In der Küche lagen drei Waffen des Getöteten auf dem Tisch. Eine davon nahm sie, kehrte durch eine andere Tür zurück ins Schlafzimmer und gab mehrere Schüsse auf den Mann ab.

 

Heimtücke als Mordmerkmal setzte die Klärung und sichere Feststellung voraus, dass der Mann tatsächlich schlief und die Frau das auch erkannte. Denn strafrechtlich erfolgt die Beurteilung eines Täters nach „seinem Vorsatz“, also danach, was er wusste, das heißt was er erkannte und wollte. Nachvollziehbare Irrtümer werden zu Gunsten des Angeklagten gewertet.

 

Aber nicht nur die intellektuelle Seite der Schuld war zu klären. Genauso wichtig ist die Frage, ob der/die Täter/in sich wie ein „normaler Mensch“ einsichtsgemäß verhalten und steuern kann, oder ob die Steuerungsfähigkeit etwa durch affektive Erregung, Alkohol, Drogen etc. stark beeinträchtigt ist. Hierfür sprach die Blutalkoholkonzentration von 1,7 Promille.

 

Während der Hauptverhandlung vor der Schwurgerichtskammer, und auch während der Zeit davor, lastete auf der Angeklagten die panische Angst, dass ihr das Jugendamt nach der Entbindung in einem Gefängniskrankenhaus das ersehnte Kind wegnimmt und es Pflegeeltern gibt.

 

Die Angeklagte war es nicht gewohnt, in sich nach innen zu schauen, ihre Gefühle deutlich wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Angeklagte mit einer solchen Struktur fahren oft genug besonders schlecht, weil sie den Eindruck erwecken, nicht offen zu sein, etwas zu verbergen und nicht die Wahrheit zu sagen. Sie wirken deshalb eher als wenig sympathisch. In diesem Fall gelang es allerdings, die Angeklagte zu bewegen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen. So konnte sie sich dem in solchen Fällen in aller Regel hinzugezogenen psychiatrischen Sachverständigen öffnen und sich dem Gericht verständlich machen.

 

Das Gericht urteilte wie folgt:

 

„Die Angeklagte ist des Mordes schuldig. Sie wird zu einer Freiheitsstrafe von

12 Jahren verurteilt.“

 

Das Gericht stellte fest, dass die Angeklagte bei der Begehung der Tat vermindert schuldfähig war im Sinne von § 21 StGB, da sie sich in einer affektiv hochbesetzten akuten Belastungssituation im Zusammenhang mit einer erheblichen Alkoholeinwirkung befand.

 

Nach dem Urteil bekam die Frau in völlig normaler Atmosphäre und mit pflegerischer Zuwendung in einem Krankenhaus ein hübsches Baby, das sie in der Folgezeit trotz Strafverbüßung behalten konnte.

 

 

Kommentar:

 

Gerade dieser Fall zeigt eindrucksvoll, dass alle wesentlichen Details aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen und bewertet werden können. Ein Angeklagter kann nicht erwarten, dass das Gericht ihn mit seiner komplizierten Geschichte von sich aus und ohne Unterstützung bereits richtig sieht. Denn dazu bleibt in der Hauptverhandlung in der Regel nicht genügend Zeit.

 

Ermittlungsbeamte haben schon mit der Tataufklärung und den Zeugenvernehmungen genug zu tun, und der/die meist verängstigte und misstrauische Beschuldigte eröffnet sich ihnen nicht.

 

Es ist auch nicht immer sicher, dass das jeweils die richtige Strategie wäre, sich schon bei der ersten Vernehmung vorbehaltlos zu öffnen, weil die Ermittlungsbeamten keine forensischen Psychiater sind und ein allgemein (-vulgär) psychologisches Verständnis leicht zu Missverständnissen und Fehlbewertungen führt, die festgeschrieben werden und sich später, wenn überhaupt, nur noch schwer korrigieren lassen.

 

Eine richtige Einlassung im Frühstadium würde erhebliche Fähigkeiten in der Bewertung psychischer Zustände und Vorgänge voraussetzen, die in aller Regel nicht vorhanden sind.

 

Der Gesetzgeber als Verfasser der Strafprozessordnung hat dieses Dilemma gekannt und deshalb angeordnet, das jedem/jeder Beschuldigten spätestens nach einer Zeit von drei Monaten Untersuchungshaft ein Pflichtverteidiger beigeordnet werden muss, wenn der/die Beschuldigte nicht in der Lage ist, die Kosten für eine Wahlverteidigung aufzubringen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass ein Beschuldigter, zumal wenn er sich längere Zeit in Haft befindet, nicht in der Lage ist, sich selbst fachgerecht und vernünftig zu verteidigen. Das Gesetz misst dem verantwortungsvollen Verteidiger eine starke Stellung zu. Er erhält die Akten zur Einsichtnahme und kann den Inhalt mit seinem/er Mandanten/in in der Haft ohne Bewachung und zeitliche Begrenzung erörtern und seine sachgerechte Verteidigungsstrategie entwickeln.

 

In den vertieften Gesprächen zeigt sich vielfach, dass die beschuldigten Mandanten selbst kaum in der Lage sind, in sich selbst hineinzuschauen. Die entsprechende Fähigkeit heißt in der Fachsprache Introspektionsfähigkeit. Viele Menschen haben nicht gelernt, ihre Gefühle wahrzunehmen, mit ihnen richtig umzugehen und diese zutreffend zu beschreiben. Sie nehmen Zuflucht zu irgendwelchen Floskeln, die sie irgendwann aufgegriffen haben, um zu versuchen, das „rüberzubringen“, wovon sie glauben, gesteuert worden zu sein. Hier bedarf es besonderer Sachkunde des Rechtsanwalts und Verteidigers, Fehleinschätzungen zu erkennen und das oft genug Widersprüchliche zutreffend gegeneinander abzuwägen.

 

In der Regel beginnen die Probleme bereits in der frühen Jugend. Streit und Trennung zwischen den Eltern hinterlassen tiefe Spuren und verursachen Schäden, die zwar Sachkundige schnell erkennen können, beim Betroffenen aber eher unterbewusst bleiben. Erst die Kenntnis der Entwicklung und des Lebensweges des Mandanten lässt Schwächen im Reaktionsmuster oder auf der intellektuellen Seite erkennen. Wer ein schwach ausgebildetes Selbstwertgefühl hat, wird eher verletzt sein als ein „Starker“. Kommt eine mangelnde Kommunikationsfähigkeit hinzu, so zieht sich der/die Betroffene irgendwann in sich zurück, und die psychischen Probleme stauen sich auf, bis ein Auslöser gleichsam das Feuer an die Lunte des Pulverfasses bringt, so dass es zu einem Knall kommt.

 

Dies ist in der forensisch (d. h. gerichtlich-) psychiatrischen Literatur vielfach beschrieben, und die Merkmale und Kriterien der Entwicklung sind bekannt. Man kann den Vergleich zu einem komplizierten Räderwerk ziehen, an das nur der erfahrene Feinmechaniker herangehen sollte.

 

Bei den Ermittlungsbeamten herrscht insoweit große Skepsis, und es besteht die Neigung, die Mitteilung der Beschuldigten im emotionalen Bereich als selbstmitleidige Ausflüchte und Vertuschungsversuche zu werten. Aus der Erfahrung heraus, dass es keineswegs einfach ist, Straftaten „gerichtsfest“ nachzuweisen, und nicht wenige Täter sich der Verantwortung durch geschicktes Lügen entziehen, neigen sie eher dazu, die Dinge zu vereinfachen und auf das zurückzuführen, was aus ihrer Sicht das Wesentliche ist. Wer einer derart gestalteten Vernehmung ausgesetzt ist, wird sich kaum so eröffnen können, wie es vielleicht notwendig ist.