Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Kein Kachelmann auf der Alb!

Kein „Kachelmann“ auf der Alb

Verteidiger kritisieren ,Flip Flop´-Anklage – Staatsanwalt verweist auf Gerichtstermin

Balingen/Hechingen, 29.06.2011 von Karl-Otto Müller

Keiner, weder Verteidiger, noch Staatsanwaltschaft, wollen eine „Kachelmann“-Affäre, sprich eine öffentliche Vorverurteilung der Beschuldigten aus der Flip Flop-Schägerei mit Polizeibeamten. Dennoch . . .

. . . was sich in der Nacht auf den 26. Februar dieses Jahres in der Balinger Bahnhofstraße zugetragen haben soll, das wäre auch aus den vorliegenden 1700 Seiten an Vernehmungsprotokollen und Ermittlungsakten kaum zu rekonstruieren, erläutern uns Verteidiger der fünf Beschuldigten. Sie hätten vielmehr die Furcht, dass es aus der bloßen Darstellung von Staatsanwalt und Polizei heraus zu einer Vorverurteilung der jungen Männer käme, die letztlich auch die Zeugen veranlassen könnte, womöglich bisherige Schilderungen ihrer Erinnerung dadurch zu korrigieren.

60 bis 70 Gäste der Gaststätte „Flip Flop“ hätten sich in besagter Nacht um das Geschehen versammelt, hätten einzelne Szenen mit Handys aufgezeichnet. Hätten sich wohl teilweise auch eingemischt.

Sechs Polizeibeamte des Balinger Reviers waren dabei verletzt worden - wir berichteten. Mit Vehemenz und großer Energie hatte die Balinger Polizei die Ermittlungen durchgeführt - nach ersten Reaktionen waren auch prompt zwei Beteiligte in Untersuchungshaft genommen worden. Ihnen wird vorgehalten, einen Beamten mit Fußtritten gegen dessen Kopf zu töten versucht zu haben. Unverständlicherweise wäre Anklage noch vor Vorliegens einer aussagekräftigen DNA-Analyse erfolgt.

Auch stellt sich Rechtsanwalt Dr. Gerhard Prengel aus Koblenz nunmehr die Frage, weshalb „angebliche Videoaufzeichnungen vom Anfang des Geschehens nicht mehr verfügbar sind“.

Mit erheblichen Zweifeln verfolgt Prengel die Ermittlungen der Balinger Polizei, die doch „üblicherweise von Kollegen, die nicht unmittelbar in das Geschehen verwickelt sind“, hätten erfolgen sollen.

Mit Verweis auf den legendären Fall Wörz würde sich der heimische Rechtsbeistand Gerd Karle dieser Argumentation anschließen. Er wird den jungen Mann verteidigen, der gleichfalls der Körperverletzung und des Widerstands gegen die Staatsgewalt beschuldigt werde, selbst aber eben auch von dem Polizeihund gebissen worden war.

Die Verteidiger wollen sich „auch den Hinweis erlauben, dass nach dem Gesetz in Baden-Württemberg über Polizeifreiwillige deren Einsatz nicht für Konflikte wie während des Geschehens vor dem Flip-Flop vorgesehen ist, sondern für Objektschutz, Verkehrskontrollen oder Streifendienst. . . . Dies gilt vor allem auch dann, wenn ein Polizeifreiwilliger mit türkischem Migrationshintergrund gegen Russland-Aussiedler oder deren in Balingen geborene Söhne vorgeht.“ In besagtem Falle sei just in diesem Spannungsfeld der Anlass für die heftigen Auseinandersetzungen zu finden, schildert Dr. Prengel - ausgelöst durch die Belästigung einer Servicekraft im Flip Flop durch einen Gast.

Keinesfalls wolle man, wie im Falle „Kachelmann“ geschehen, Argumente vor dem eigentlichen Hauptverfahren in der Öffentlichkeit austauschen, betonen die Verteidiger und befinden sich damit auf gleichem Nenner mit dem leitenden Oberstaatsanwalt in Hechingen, Dr. Michael Fohl. Er verweist auf das im September beginnende Hauptverfahren - wir berichteten. 15 Verhandlungstage sind anberaumt, 40 Zeugen sollen gehört werden.