Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.
Dr. Prengel, Krautkrämer und Coll.

Tod einer jugendlichen Mitarbeiterin einer Supermarktfiliale in Boppard am Rhein

 

 

Am 07.01.2006 wurde eine 18jährige Teilzeitmitarbeiterin eines Discount-Marktes im Außenbezirk von Boppard in einer Seitenstraße tot aufgefunden. Hausbewohner in der Nähe hatten ihre Schreie gehört, als sie zusammenbrach. Todesursache waren zahlreiche Messerstiche.

 

Nach kurzer Zeit wurde die Leiterin des Extra-Marktes festgenommen und beschuldigt, ihre jugendliche Mitarbeiterin mit zahlreichen Stichen aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben. Die nachfolgende Anklage behauptete, die Marktleiterin sei dem Mädchen, das aus ihrem Auto flüchtete, nachgeeilt und habe sie brutal mit einem extra dazu mitgenommenen Messer abgestochen. Es erwies sich für die staatsanwaltschaftliche und gerichtliche Beurteilung der Mandantin als nachteilig, dass sie sich wegen eines hochgradigen Erregungszustandes auf Erinnerungslücken berief und nicht mehr sagen konnte, wo das Tatmesser ist, das selbst eine Polizeistaffel mit einem hohen Aufwand nicht hatte finden können. Auch die Inaussichtstellung, dass es ihr bei der Beurteilung ihres Verhaltens Vorteile bringen könnte, wenn sie sagt, wo das Messer ist, half nicht weiter.

 

Erinnerungslücken können ein Hinweis auf einen hochgradigen, die Schuld erheblich mindernden Erregungs- oder Affektzustand während des Tatgeschehens sein. Allerdings sind Ermittlungsbeamte und Richter insoweit eher skeptisch und argwöhnen Ausreden. Andererseits würde ein Gericht bei kompletter Erinnerung kaum mehr von einem schuldmindernden Affekt sprechen.

 

Die Verteidigung hatte schon früh Zweifel an den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft. Es bedurfte intensiver Gespräche mit der inhaftierten Beschuldigten, um zu verstehen, warum sie das Mädchen so früh morgens überhaupt mit ihrem Auto mitgenommen hatte, nachdem die Arbeitszeit bereits begonnen hatte. Das Mädchen trug die grüne Arbeitsweste des Discount-Marktes.

 

In der Hauptverhandlung schilderte die spätere Angeklagte im Rahmen ihrer Einlassung, das Mädchen hätte sie gebeten, sie nach Hause zu fahren, weil sie ihr Portemonnaie vergessen hätte. Als man im Auto saß und losfuhr, hätte das Mädchen dann aber schnell gesagt, dass sie nur das Gespräch mit der Filialleiterin außerhalb des Marktes unter vier Augen suchte. Denn diese hätte die Mutter vom PC weg in die Non-Food-Abteilung zurückversetzt, also gleichsam degradiert. Es sei zum Streit gekommen, weil sie, die Filialleiterin bei ihrer Entscheidung geblieben sei, und das Mädchen sei ausgerastet, habe sie angespuckt und nach ihr geschlagen. Plötzlich sei ein Messer im Spiel gewesen. Woher das kam, wusste die Angeklagte nicht, sie nahm es dem Mädchen panikartig weg und schlug damit auf diese ein, alles im Auto. Das Mädchen sei dann aus dem Auto geflüchtet. Mehr habe sie, die Angeklagte, nicht mitbekommen, weil sie völlig verstört mit ihrem Wagen weggefahren sei.

 

Das Gericht glaubte der Angeklagten nicht und unterstellte, dass es unmöglich sei, in einem Pkw VW Golf senkrecht von oben nach unten derart mit einem Messer oftmals zuzustechen, wie es später in der Obduktion festgestellt worden ist.

 

Die Verteidigung hat sich daraufhin den Original-VW Golf beschafft und mit Unterstützung eines Kraftfahrzeug-Sachverständigen nachweisen können, dass nach oben genug Raum war, um auch von oben senkrecht nach unten zu stechen.

 

Als eine Versuchsperson den Anschnallgurt anlegte, stellte sich zur Überraschung der Verteidigung heraus, dass die Spurensicherung der Kriminalpolizei übersehen hatte, dass der Sicherheitsgurt durchstochen war. Ein kapitaler Ermittlungsfehler der Spurensicherung! Damit ließ sich nachweisen, dass die zum Tode führenden Handlungen tatsächlich doch im Auto stattgefunden hatten. Der Nachweis, dass die Angeklagte insoweit tatsächlich nicht die Unwahrheit gesagt hatte und Staatsanwaltschaft und Gericht von einem unzutreffenden Sachverhalt ausgegangen waren, nützte der Angeklagten zunächst nichts. Das Gericht verurteilte sie nach neun Verhandlungstagen am 12.07.2006 wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Der schwerwiegende Fehler im Rahmen der Spurensicherung hatte nicht zu einer Änderung der Einschätzung des Gerichts geführt, obwohl sich der Sachverhalt, von dem das Gericht auszugehen hatte, nunmehr gegenüber der Sachdarstellung in der Anklageschrift in einem wesentlichen Punkt geändert hatte.

 

Hiergegen hat die Verteidigung beim Bundesgerichtshof, der zur Überprüfung von Urteilen des Landgerichts, so auch der Schwurgerichtskammer allein zuständig ist, das Rechtsmittel der Revision eingelegt. Dies führte zum Erfolg, und der Bundesgerichtshof hat das Urteil durch Beschluss vom 10.01.2007 aufgehoben und die Sache an eine andere Strafkammer des Landgerichts Koblenz zur erneuten Hauptverhandlung zurückverwiesen.

 

Diese dauerte wiederum zwölf Tage. Schließlich wurde die Mandantin am 19.06.2007 wegen Totschlages zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt. Die Strafkammer hatte keine Anknüpfungspunkte für die Annahme niedriger Beweggründe im Sinne des § 211 Abs. 2 StGB finden können. Es hatte sich für die Angeklagte allerdings als verhängnisvoll erwiesen, dass sie allein stand und keine Zeugen hatte, auf die sie sich berufen konnte, wie es ja so häufig ist. Dem entgegen hatte sie eine Reihe von Zeugen aus der Belegschaft des Marktes gegen sich. Die anderen, die eher etwas Positives hätten sagen können, hielten sich, wohl aus Angst vor Anfeindungen und Nachteilen im Betrieb, zurück.

 

Die Eltern und Geschwister des toten Mädchens traten in der Hauptverhandlung als Nebenkläger auf. Über ihre Opferanwältin und Nebenklagevertreter hatten sie Akteneinsicht und konnten sich auf ihre Vernehmung als Zeugen sorgfältig vorbereiten. In dieser Rolle waren sie Beweismittel.

 

Die Mutter des toten Mädchens, die sich durch die Angeklagte als ehemalige Filialleiterin degradiert und ungerecht behandelt fühlte, hatte eine deutlich negative Einstellung gegenüber der Angeklagten, und es zeigte sich, dass sie schon erhebliche Zeit vor dem dramatischen Geschehen versucht hatte, die Belegschaft für sich einzunehmen und gegen die Filialleiterin aufzuwiegeln. Dies spiegelte sich später in deren Zeugenbekundungen wieder. Nicht wenige Zeuginnen waren darum bemüht, die angeklagte ehemalige Filialleiterin so darzustellen, als hätte man ihr die Tat jederzeit zutrauen können, und dass die Tat gleichsam in der Luft lag.

 

Die Vorgesetzten der angeklagten Filialleiterin schilderten dem entgegen, dass man sie für diesen Markt deshalb ausgewählt hatte, weil dort wegen bestimmter Persönlichkeiten in der Belegschaft schwierige Verhältnisse herrschten, die Gewinnlage verbesserungswürdig gewesen sei und man überzeugt war, dass die jetzige Angeklagte die richtige Kandidatin war, um den Betrieb zu reorganisieren und die Gewinnsituation zu verbessern. Es sei klar gewesen, dass es bei dieser Aufgabenstellung zu Reibereien mit Mitgliedern der Belegschaft kommen würde. Man hielt die jetzige Angeklagte für stark genug, dem Stand zu halten.

 

Vor diesem Hintergrund war ein besseres Ergebnis als eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren nicht zu erreichen. Die Sympathien galten allein dem toten Mädchen und ihrer Familie, und die Angeklagte konnte erleichtert sein, dass das Gericht kein erschwerendes Mordmerkmal mehr sah, dessen Bejahung erneut zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe geführt hätte. Die psychisch erschöpfte Angeklagte nahm das Urteil an. Ihr Ehemann, der sie ja besser kannte als alle anderen, hat immer zu ihr gehalten.

 

 

Kommentar zu diesem Schwurgerichtsverfahren:

 

Fraglich war das Motiv der Angeklagten. Die Anklage hatte ihr niedrige Beweggründe unterstellt. Die Angeklagte hätte das Opfer in ihren Pkw gelockt, um sie alsdann mit einem dafür mitgeführtem Messer umzubringen. Niedrige Beweggründe wie Wut oder Hass machen den Totschlag, das heißt die vorsätzliche Tötung, zum Mord, so dass sich der Strafrahmen von ursprünglich 5 – 15 Jahren auf lebenslänglich erhöht.

 

Die Verteidigung warf die Frage auf, woher das Messer kam, und ob es sich nicht vielleicht doch um ein Messer gehandelt hatte, welches das Mädchen für ihre Arbeit benötigte und kurzerhand, bevor sie in den Pkw Golf der Filialleiterin einstieg, eingesteckt hatte, wenn auch ohne jegliche böse Absicht.

 

Hierfür sprach bereits, dass sich einige Zeugen aus der Belegschaft alle Mühe gaben, den Anschein entstehen zu lassen als hätte man an dem Arbeitsplatz des Mädchens gar kein Messer benötigt. Tatsächlich war es ihre Aufgabe, folienbespannte nachts angelieferte Obst- und Gemüsepaletten zu öffnen. Dazu benötigte sie ein Messer. Dies ist in anderen Discount-Märkten, wie man leicht überprüfen kann, genauso. Messer liegen dort regelmäßig im Bereich der Waage, um angefaulte Gemüseteile zu entfernen.

 

Zum anderen ging es um die Gemütsverfassung der Filialleiterin im Zeitraum des Tatgeschehens. Die Verteidigung musste sich vertieft mit ihrer psychischen Struktur und Belastbarkeit befassen und damit, ob sie nicht durch den übermäßigen Stress in der Vorweihnachtszeit mit Krankmeldungen auch des Mädchens und ihrer Mutter und einer Arbeitszeit von 7 Uhr früh bis 20.00 Uhr abends und länger aufgerieben und besonders reizbar und dadurch die Neigung entstanden war, die Selbstbeherrschung zu verlieren. Hinzu kamen die Anfeindungen und Mobbingversuche einiger Mitarbeiterinnen des Marktes gegen die Filialleiterin. Eine Zeugin hatte nur zögerlich vom „Zickenkrieg“ berichtet, nachdem die Marktleiterin die Mutter des Mädchens vom PC weg in die Non-Food-Abteilung zurückversetzt hatte, was diese als Degradierung empfunden hatte. Mitarbeiter des Filialmarktes hatten sich sogar bei der übergeordneten Ebene, also den Vorgesetzten über die Angeklagte beschwert im Bestreben, diese ablösen zu lassen.

 

All das konnte dazu geführt haben, dass die Filialleiterin die Fassung verloren hat und gleichsam ausgerastet ist, als das Mädchen, die ihrer Mutter ja nur hatte helfen wollen, allerdings erfolglos, die Kontrolle über sich verlor und, wie die Filialleiterin berichtete, diese anschrie, anspuckte und schließlich nach ihr schlug. Sie war von Zeugen als nervlich nicht sehr belastbar beschrieben worden mit einem starken jugendlichen und kompromisslosen Drang nach Gerechtigkeit. Sie kannte allerdings nur die Version ihrer Mutter, was die Verhältnisse am Arbeitsplatz und die angebliche Degradierung anbetraf.

 

All dies spielte sich in der Enge des Autos ab. Die Filialleiterin war darauf nicht vorbereitet, zumal sie das Mädchen, wie sie schilderte, wegen ihres Pflichtbewusstseins und Fleißes gern hatte.